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Journey to Jah Interview

03.02.2015

Vor der Premiere zu dem Film „Journey to Jah – Der Film“ sprach Rib.de mit den beiden Regisseuren Noël Dernesch und Moritz Springer über Jamaika, Sehnsüchte und über ihre beiden Protagonisten Alborosie und Gentleman. 

17.03.2014 Berlin-Premiere „Journey to Jah“

RIB:
Was war Eure Motivation für diesen Film? Kam die über Reggae oder kanntet Ihr Jamaika schon?

NOËL DERNESCH:
Moritz ist von uns beiden eher der Reggae Insider. 2004 hat er mir sein Projekt vorgestellt, wo es damals noch darum ging, was passiert, wenn Weiße bzw. Europäer nach Afrika auswandern. Im Laufe der Zeit hat sich das Projekt gewandelt und der Fokus ging immer mehr nach Jamaika. Dann kam Tillmann bald dazu, da es klar war, dass wir Jamaika als Europäer über einen Weißen entdecken wollen und so kam das Projekt so langsam zum Laufen. Moritz ist eben eher der Insider und ich bin derjenige mit dem kritischen Blick, der das Gesamte im Auge hat. Das hat sich über die 7 Jahre auch so bewährt.

MORITZ SPRINGER:
Ausgangspunkt war eben die Frage: Wie kommen Weiße dazu, sich mit schwarzer Kultur zu identifizieren? Von meiner Seite gab es da auf jedem Fall die Liebe zur Musik und das Gefühl, dass uns in unserer westlichen Gesellschaft etwas fehlt, nämlich Spiritualität und Inhalte, mit denen wir uns identifizieren können. Die Kirche in Deutschland gibt da einfach nicht viel her und ist sehr weit von jungen Leuten und ihrer Lebensrealität entfernt, was dazu führt, dass man sich nach außen orientiert. Die vorherigen Generationen gingen nach Indien, unsere Generation geht z.B. nach Jamaika. Diese Sehnsucht nach Identität und Spiritualität fand ich einen sehr spannenden Ausgangspunkt.

NOËL DERNESCH:
Diese Sehnsucht ist etwas sehr Universelles und Reggae ist das Fahrzeug, dass diese Sehnsucht transportiert. Uns war es sehr wichtig, in diesem Film über das Reggae-Thema hinauszugehen und die Leute auf einer persönlichen Ebene anzusprechen, sie mit den großen Fragen des Lebens zu konfrontieren und eben nicht nur das Klischee des Reggae zu bedienen.

RIB:
Also ist dieses „Crossing Borders“, was der Film anspricht, schon ein eigenes Thema..?

MORITZ SPRINGER:
Ja, auf jedem Fall! Im Dokumentarfilm kannst Du nur einen authentischen Film machen, wenn Dich das Thema auch selbst berührt. Die Suche nach Antworten auf die Fragen des Leben und der Glaube, dass es etwas gibt, was über das Leben hinaus geht, ist etwas, was uns auf jedem Fall verbindet. Ich glaube, man kann einfach nur einen guten Film machen, wenn Dich das, was Dein Gegenüber beschäftigt, auch selbst beschäftigt.

RIB:
Also wolltet Ihr hinter die Fassade schauen…? Was steckt hinter den Lyrics?

MORITZ SPRINGER:
Wir haben sehr schnell gemerkt, dass es mit Tillmann auch eine persönliche Ebene gibt und wir uns über die gleichen Dinge Gedanken machen, nämlich diese universellen Themen, von denen wir ja schon gesprochen haben. Wenn Du mit einem Natty zusammensitzt, der aus einem krassen Kingstoner Ghetto kommt und also aus komplett anderen Lebensverhältnissen stammt, hat dieser trotzdem die gleichen Fragen an das Leben. Aber er sucht nach anderen Antworten und das ist eben das Spannende daran.

NOËL DERNESCH:
Die gleichen Ängste und Sehnsüchte sind ja das, was uns alle, egal ob in Jamaika oder sonst wo auf der Welt, verbindet. Ich glaube, die lange Drehzeit des Films aufgrund unserer Finanzierungsprobleme hat dafür gesorgt, dass wir enge Beziehungen zu den Figuren in unserem Film aufbauen konnten. Gewisse Szenen wurden so erst möglich. Du kannst ja in Kingston nicht einfach ins Ghetto laufen und die Leute was fragen. Allgemein ist es in Jamaika super schwer zu filmen. Die Leute sind gar nicht scharf darauf, dass man einfach die Kamera drauf hält. Die 7 Jahre und die Kontinuität haben aber dafür gesorgt, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und ein Setting zu kreieren, indem eben auch sehr intime Gespräche möglich wurden.

MORITZ SPRINGER:
Noel spricht an, dass die Jamaikaner eigentlich extrem kamerascheu und kritisch sind. Man begegnete uns teilweise auch ziemlich aggressiv. Da entstanden Situationen, wo es klar war, dass man jetzt wohl besser nicht filmt… Andererseits sind die Leute aber auch wahnsinnig ehrlich und wenn sie verstanden hatten, dass es uns nicht darum geht, als Weiße daherzukommen, um uns an Klischees zu bedienen, sondern wirklich interessiert am Land, der Geschichte und den Menschen sind, kam auch schnell ein positives Feedback rüber. In Waterhouse und in Seaview war es relativ schnell dazu, dass uns die Leute kannten und uns auch eine Wertschätzung entgegengebracht haben.

NOËL DERNESCH:
Es war allerding nicht ganz einfach, Leute zu finden, die über das Klischee von „One Love and Unity“ bereit waren, sich mit uns zu beschäftigen und sich kritisch mit gewissen Themen auseinandersetzen, um ein tiefergehendes Feedback zu bekommen, was uns eben sehr wichtig war. Wir haben unsere Protagonisten schon sehr genau ausgesucht und Tilmann hat uns dabei viele Türen geöffnet.

RIB:
Wie kam Tilmann nun eigentlich dazu?

MORITZ SPRINGER:
Uns war relativ schnell klar, dass man in Europa diesbezüglich an ihm nicht vorbeikommt, da er den europäischen Reggae verkörpert und dabei auch eine Authentizität hat. Und wir wollten nach Jamaika, wo der Reggae ja nun mal herkommt… Wir sind dann an Tilmann herangetreten, was zunächst schwierig war, was aber eher am Management, als an ihm selbst lag. Letztendlich ist es uns dann gelungen und wir sind 2006 das erste Mal zusammen nach Jamaika gereist.

NOËL DERNESCH:
Am Ende war es dann sein Manager Stefan Schulmeister, der uns mit Alborosie und Terry Lynn in Verbindung gebracht hat. Gerade beim ersten Mal in Jamaika war er fast wie ein Vater für uns: er hat sich um alles gekümmert, alles für uns organisiert und uns dort wirklich eingeführt.

RIB:
Wie war es denn generell, in Jamaika zu drehen? Es muss doch in Gegenden wie Seaview oder Waterhouse ziemlich krass und kompliziert sein, zu filmen… Wie wird einem da begegnet?

NOËL DERNESCH:
Was in Jamaika sicherlich Fact ist, ist dass die Stimmung immer und jede Sekunde umschlagen kann. Man braucht eine ganze Menge Feingefühl und viel Sense für den Vibe. Das haben wir ziemlich schnell gespürt. In Seaview und Waterhouse wurden wir auch immer zuerst den wichtigen Leuten vorgestellt….
Es gab eine Situation, in der wir mit Terry Lynn in Waterhouse und wir waren in einer Drehpause an einem Essensstand, als es plötzlich eine Schießerei gab. Alle gingen in Deckung, aber es gab auch so eine gewisse Neugier. Die Kids schauten, woher die Schüsse denn kommen und irgendwie hatte diese Situation fast etwas Alltägliches. Dieses Wissen, dass so eine Situation so schnell und unverhofft eintreten kann, ist schon schockierend.

MORITZ SPRINGER:
Auf dem Weg zu einem Treffen gab es eine weitere erschreckende Situation von ganz anderer Art. Wir wollten mit Natty zu Lucianos Yard fahren, und wir haben kurz angehalten, weil Natty etwas besorgen musste. Als er aus der kleinen Seitenstraße wieder herauskam, kam plötzlich ein Polizei-Jeep vorgefahren und bewaffnete Polizisten in voller Montur sprangen heraus… Natty, der eigentlich ein echt cooler Typ ist, hatte eine richtige Schockstarre , wurde kreidebleich und bewegte sich praktisch gar nicht mehr, weil ihm bewusst war, dass es bei einer falschen Bewegung für ihn aus sein kann. Mit denen ist echt nicht zu spaßen. Also hast Du dort die alltägliche Gewalt, wie sich etwa zwischen den Gangs abspielt und dazu diese Polizeigewalt…

NOËL DERNESCH:
..und dazu eine komplette Willkür und einen korrupten Staat. Die Korruption ist überall spürbar und sie zieht sich von unten bis oben durch alle Schichten der Gesellschaft. Da gibt es ganz eigene Regeln und Seilschaften und man fragt sich häufig, wie das nur aufhören könnte…

MORITZ SPRINGER:
…gewisse Leute haben eben die Telefonnummern von gewissen Polizei-Leuten und es ist somit klar, dass denen nichts passiert, auch wenn sie sonst was verbrochen haben…

RIB:
Ja, wie in so vielen Ländern… Aber in Jamaika ist das eben auch sehr extrem, dass es so ein kleiner Fleck Erde ist…

MORITZ SPRINGER:
Ja genau, dort liegt alles so nah beieinander. Auf der einen Seite diese totale Herzlichkeit und die Spiritualität und auf der anderen Seite Gewalt und Korruption, alles gleichermaßen präsent. Dieser Clash ist dort echt heftig!

RIB:
Nochmal zu Euren Protagonisten… Gentleman und sein Management haben Euch viele Türen geöffnet… Ihr müsst dabei ja unglaublich vielen Menschen begegnet sein. Wie kam es denn zur Eurer Auswahl dieser sehr kontrastierenden Hauptcharaktere?

MORITZ SPRINGER:
Noël und ich haben uns dabei sehr stark von unserem Bauchgefühl leiten lassen. Ob es eine Verbindung zu jemandem gab oder eben nicht, war uns immer ziemlich schnell klar. In einem Dokumentarfilm wie wir ihn gemacht haben, ist es super wichtig, dass sich die Menschen öffnen können. Du musst Dich in Jamaika generell sehr viel auf Dein Gefühl verlassen. Versuchst Du dort, krampfhaft irgendwas zu machen, klappt das garantiert nicht.

NOËL DERNESCH:
Letztendlich sitzen hier ja alle in einem Boot: wir geben sehr viel von uns Preis und die Leute vor der Kamera sowieso. Da muss ein Gleichgewicht herrschen und alle müssen an einem Seil ziehen, sonst wird das nichts…

MORITZ SPRINGER:
…und man braucht die Bereitschaft, sich die kritischen Fragen zu stellen. Das war eben bei Tilmann sehr schön, dass er sich auf diese Reise mit uns eingelassen hat, aber bei den anderen Protagonisten ist das letztlich genauso!

RIB:
Woher kam der Kontakt zu der Professorin der University of West Indies?

NOËL DERNESCH:
Ebenfalls über Gentlemans Manager Stefan Schulmeister. Tilmann wurde von Carolyn Cooper zu einem Vortrag an der Uni eingeladen und die Beiden waren komplett von ihr begeistert. Sie haben uns mit ihr verlinkt und sie ist wirklich eine absolute Bereicherung für den Film. Sie bringt die intellektuelle Ebene mit hinein und hat uns häufig mit ihren unerwarteten Antworten überrascht. Es hat extrem gut getan, diese Themen noch einmal von einer ganz anderen Seite zu beleuchten. Sie ist auch eine richtige Institution in Jamaika.

RIB:
In 7 Jahren Drehzeit müssen Unmengen von Material zusammen gekommen sein… Wie habt Ihr hier Auswahl getroffen?

NOËL DERNESCH :
Ja, das waren 120 Stunden Material und der Schnitt hat ein Dreivierteljahr gedauert. Das war ein Ritt durch die Hölle!

MORITZ SPRINGER:
Dokumentarfilme sind ein Zusammenarbeit von vielen unterschiedlichen Leuten, Großer Dank geht an unser Team und vor allen auch an die Editoren!

RIB:
Und was habt Ihr als Nächstes geplant?

NOËL DERNESCH :
Ich werde nie wieder einen Dokumentarfilm machen… ;) … und freue mich auf meinen nächsten Spielfilm.

MORITZ SPRINGER:
Ich mache gerade einen Dokumentarfilm über Anarchismus in Spanien, Griechenland, Deutschland und der Schweiz.

 

Danke für das Interview :-)

 

 

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